Israel – ein Reisebericht

Wir sind dann mal weg.. in Israel.

Wir sind dann mal weg…

Vor etwa einem Jahr haben wir uns entschlossen gemeinsam wegzufahren: und zwar nach Israel. Das klingt im ersten Moment wie eine Mammutaufgabe – ist es auch. Viele Stunden und Nächte hat das Orgateam aus Leipzig und Tel Aviv über Anträgen und dem Programm gesessen und gemacht. Seit Anfang des Jahres haben wir uns intensiv mit Israel, dem Nahostkonflikt und unserer Partnerorganisation HaShomer HaTzair auf unseren Fff…t!s beschäftigt.

Am 19. Oktober war dann der Tag der Anreise gekommen. Mit Kraxen und Rucksäcken beladen ging es mit der Bahn von Leipzig über Dresden nach Prag. Dort hieß es dann „rein in den Flieger“ und dann wieder raus. Dann waren wir endlich da und wurden herzlich von unseren Guides Yael, Sella und Liana am Airport Ben Gurion empfangen und nach Tzafit gebracht.

Tzafit

Halbwegs ausgeschlafen realisierten die Ersten, dass wir unser Ziel nach einem Jahr tatsächlich erreicht hatten: Wir waren in Israel. Nachdem wir uns alle gegenseitig ausgiebig kennen gelernt hatten, stiegen wir in die inhaltliche Arbeit ein. Wir beschäftigten uns im Folgenden mit Texten von Theodor Hertzl und Martin Buber zum Staat Israel und zum Zionismus. Am nächsten Tag diskutierten wir über die Krise und Privatisierung der Kibbuzim und über unsere Partnerorganisation HaShomer Hatzair. Am späten Nachmittag wurden wir von den vor Ort lebenden „Educators“ durch das angrenzende Kibbuz geführt und wir diskutierten im Anschluss die Bildungsarbeit der HaShomer Hatzair an der Boarding School. Am Abend wurden dann fleißig Rucksäcke umgepackt, denn es sollte in die Wüste gehen.

Ein Hike in der Wüste

Am Mittwoch Morgen kletterten wir wieder in den Bus und machten uns auf den Weg zu unserem großen Abenteuer Wüste. Hassan überraschte uns noch mit einem Abstecher zu sich nach Hause, wo er uns auf einen echten arabischen Tee einlud und wir die sprichwörtliche Gastfreundschaft aus 1001 Nacht erleben durften. Wieder im Bus legten wir einen Höhenunterschied von 200m über Normalnull bis 500m unter Normalnull zurück. Dann standen wir da: Die Sonne brannte auf uns herab und überall, wo mensch hinsah, war Geröll und Stein. Gut eingecremt und mit ausreichend Wasser im Gepäck machten wir uns auf den Weg. Vorbei an atemberaubenden Gesteinsformationen, bergauf-bergab bahnten wir uns unseren Weg durch „Ein Bokek“. Erschöpft, glücklich und voller neuer Eindrücke erreichten wir dann unser Nachtlager. Nach einer Nacht unter freiem Himmel machten wir uns in aller Frühe (6 Uhr morgens) wieder auf unseren Weg. Diesmal führte uns unser Weg durch endlose Canons, vorbei an ausgetrockneten Wasserfällen und wieder bergauf-bergab. Nach einem anstrengenden Abstieg erreichten wir dann eine schattige Oase und aalten uns ausgiebig in einer kleinen Quelle. Nach 1 ½ Stunden ging es dann weiter, immer der Quelle entlang, bis wir plötzlich auf eine Straße trafen und auf das Tote Meer blickten. Das Ziel war damit erreicht. Die nächsten Stunden entspannten wir dann gemeinsam in Liegestühlen oder ließen uns im Wasser treiben. Am Abend holte uns dann der Bus ab, und wir machten uns auf den Weg nach Jerusalem. Die Nacht verbrachten wir in einer Kommune der HaShomer HaTzair; dort wurden wir herzlich von der Wohngemeinschaft empfangen, und wir haben noch bis spät in die Nacht gequatscht und gelacht.

Ramalla

Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg zum Damaskus-Gate, wo wir Tobi vom Willy-Brandt-Zentrum trafen. Mit ihm machten wir uns auf den Weg nach Ramallah in die besetzen Gebiete. Mitglieder der Independent Youth Union (I.Y.U.) holten uns ab und wir verbrachten den Nachmittag in einer Diskussion über die politische Situation Palästinas mit dem Generalsekretär der FIDA-Partei. Am Nachmittag führten uns unsere Gastgeber/innen in zwei Flüchtlingslager der Stadt. Wir erfuhren viel über die Lebenssituation der Menschen hier und konnten ab und an einen Blick in geöffnete Türen werfen. Das erdrückende Gefühl des Nichts-Tun-Könnens stand allen ins Gesicht geschrieben. Nach unserer Tour sahen wir uns überraschend in einem Hotel am Verhandlungstisch. Die I.Y.U. stellte uns ihre Kinder- und Jugendarbeit vor, es sah alles sehr staatstragend aus. Nachdem wir diskutiert hatten, was wir füreinander tun können, verbrachten wir die Nacht in Gastfamilien. Die Familien boten uns die Möglichkeit, viel über das alltägliche Leben der Menschen in Ramallah zu erfahren. Nach dem Frühstück trafen wir uns alle wieder und es hieß: Rein in den Bus und zurück nach Jerusalem.

Jerusalem

Am Ausgangspunkt des Vortages angekommen, trafen wir uns wieder mit Yael und mussten ihr erstmal viele Bilder zeigen und ihr erzählen wie es „drüben“ aussieht. Dann ging’s los in die Altstadt – erst zum Essen, dann durch die engen Gassen vorbei an Läden für die große Schar Touristinnen und Touristen. Doch damit konnten wir uns nicht lange aufhalten, da wir mit Raana aus dem Willy-Brandt-Zentrum verabredet waren. Dort angekommen werteten wir in Kleingruppen die Erfahrungen in Ramallah aus. Jetzt gab es die Möglicheit zum Shoppen und die wurde reichlich genutzt. Am nächsten Morgen bereiteten wir uns gemeinsam mit der Kommune auf unseren Besuch der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem vor. Yad Vashem hatte auf jede/n von uns eine andere Wirkung – allen gemein ist sicher, dass wir tief bewegt und beeindruckt waren. Am Ausgang trafen wir dann auf den Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Günther Öttinger. Ein Gespräch mit ihm schien allerdings sinnlos, da einer seiner Begleiter für uns nur den Satz „Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz. Wer mit 40 noch links ist, hat keinen Verstand“ übrig hatte. Ich möchte hier nochmal den Israelis aus der Kommune danken für ihre Offenheit und die Gespräche mit ihnen über Yad Vashem und über den Holocaust.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen gaben wir uns wieder dem Shoppen und Gucken in der Altstadt hin. Der kommende Morgen startete im Willy-Brandt-Zentrum. Raana erzählte uns vom IFM-SEI Projekt, das versucht arabische, jüdische und palästinensische Jugendorganisationen zu vernetzen und ins Gespräch zu bringen. Der Nachmittag gehörte dann einer Tour zu religiösen Orten wie der Grabeskirche. Nachdem wir wie immer ein wenig spät nach Hause kamen, mussten wir in Lichtgeschwindigkeit unsere Sachen packen, schultern und zum Bus tragen: Es ging nach Azur, einem Vorort von Tel Aviv. Auch hier wurden wir wieder herzlich von der Kommune empfangen.

Happening in Jessi

Nach einer langen Nacht fahren wir am nächsten Tag ins Jessi Coen-Quartier, ein Stadtteil mit vielen Zugewanderten. Im Jugendclub der HaShomer HaTzair beschäftigten wir uns mit dem Thema Immigration in Israel, sprachen über Geschichte und aktuelle Herausforderungen. Am Ende diskutierten wir noch über neue Medien in einer postmodernen Kindheit. Danach kamen auch schon die ersten Kinder – es war der Tag des monatlichen Happenings. Der Nachmittag gehörte ihnen: Wir spielten mit ihnen Fußball und Volleyball, schminkten die Kinder und uns, spielten mit allen verschiedene Spiele. Erschöpft aber glücklich machten wir uns nach einigen Stunden auf den Weg in einen anderen Stadtteil und besuchten den dortigen Jugendclub. Auf dem Weg dorthin und zurück in die Kommune hatten wir viel Spaß die Menschen anzusehen, die etwas befremdlich guckten, als sie eine Horde junger Menschen mit angeschminkten Katzen, Prinzessinen oder Löwen trafen.

Gesellschaft in Israel

Der vorletzte Tag führte uns zur Central Bus Station und in einen Teil Tel Avivs, in dem uns Armut ansprang und Zwangsprostitution an der Tagesordnung ist. Hinter der nächsten Ecke sahen wir dann große Bürotürme in den Himmel ragen, und in uns stieg angesichtes dieser Ungerechtigkeiten Trauer und Ärger auf. Im Folgenden diskutierten wir im Headquarter der HaShomer HaTzair über die Verbindung von Kapital, politischem System und sozialem Leben in der israelischen Gesellschaft. Den Nachmittag verbrachten wir individuell in Gruppen in Tel Aviv zum Bummeln und Baden. Für den Abend hatten unsere Gastgeber/innen eine Überraschung parat: Es war Bunnys Night. Alles dreht sich um Spiele und Wettbewerbe mit langen Ohren und Karotten.

Der letzte Tag war gekommen… Wir machten uns Gedanken über das Erlebte und Gesehene: Kibbuzbewegung, Holocaust, Gesellschaft, Identität, Nahostkonflikt und vieles mehr. Danach sprachen wir mit dem Vorsitzenden der HaShomer HaTzair über die Möglichkeit einer ständigen Kooperation zwischen Israel und Leipzig. Am Ende sagte er noch einen für mich sehr wichtigen Satz: „Die Gruppe ist nicht der Weg zur Revolution. Die Gruppe IST die Revolution.“

Gesamtauswertung Israel

Nachdem wir am Nachmittag unsere gesamte Reise in der Gruppe ausgewertet hatten, fuhren wir in die Kommune unserer Guides nach Holon. Dort verbrachten wir die Nacht mit Gesprächen, Lunchpakete packen und vor allem mit wenig bis keinem Schlaf. Um 3 Uhr morgens stand Hassan vor der Tür und wir fuhren zum Airport Ben Gurion. Die Sicherheitskontrollen ließen wir relativ schnell hinter uns. Ein paar Stunden später setzten wir unseren Fuß wieder auf europäischen Boden. Wer glaubt, ab hier lief alles genauso reibungslos ab wie im Nahen Osten, der irrt. In Prag überraschte uns die Bahn mit dem Ausfall unseres Zuges, und wir mussten 2 ½ Stunden auf unsere Weiterfahrt nach Dresden warten. 3 Stunden verspätet wurden wir in Leipzig von Leipziger Falken mit Kakao und Keksen in Empfang genommen.

Unsere Reise hat uns viele neue Eindrücke beschert, wir haben tolle Menschen kennen gelernt und haben in Kibbuzim und Kommunen erlebt, dass es eine andere sozialistische Welt geben kann. Wir haben auch gesehen, dass der Konflikt im Nahen Osten nicht einfach ist, haben uns als Gruppe besser kennen gelernt und haben eine wichtige Erfahrung gemacht: Es gibt nicht die EINE Wahrheit – es gibt immer viele Wahrheiten. Es kommt nur auf den Blickwinkel an.

Shalom, Stefan

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12 Antworten auf “Israel – ein Reisebericht”


  1. 1 steffen 06. November 2008 um 13:28 Uhr

    tolle sache, toller bericht, tolle leipziger falken

    weiter so. die entwicklung der falken in Leipzig in den letzten jahren ist grandios. beeindruckend im bericht die erkenntnis darüber, dass die GRUPPE die revolution ist. ächt stark. hat mir super gefallen.

    die debatte in unserem verband darüber wie wir dem sozialismus näher kommen können sollte intensiviert werden. und die erkenntnis, dass die gruppe, also das kollektiv und erst recht das gemeinschaftliche leben hierfür ein wesentlicher schlüssel ist, reift. unsere zeltlager sind schon schön und gut. doch der sozialismus muss einzug in unseren alltag finden. gemeinsam arbeiten, lernen, feiern – also leben. und die gruppe ist die basis. nur in der gruppe ist dies alles möglich.

    in diesem sinne; ihr seit …^^^ SPITZE

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